Einmal im Jahr macht unser Spielzeug Urlaub.
Spielzeugfreier Kindergarten? Geht das?
Ja, es geht und funktioniert super!
In der spielzeugfreien Zeit, Januar bis März, blühen die Kinder richtig auf. Sie können die Entwicklung Ihres Kindes tagtäglich mitverfolgen.
Die Ziele des Projekts "Spielzeugfrei" und was es bewirkt:
- Steigerung des Wertverhaltens gegenüber Menschen und deren Umfeld
- Positive Wirkung auf die Gruppendynamik
- Sprachliche Förderung durch vermehrtes Rollenspiel
- Bereitschaft zur Konflikt- und Problemlösung steigt
- Phantasie und Kreativität finden einen Nährboden
All diese Fähigkeiten sind wichtige Lebenskompetenzen für unsere Kinder.
Kann denn Spielzeug Sünde sein (süchtig machen)?
Spielzeug ist für Kinder sicher wichtig, kann die Kreativität fördern und gehört selbstverständlich zu ihrer Lebenswelt. Eine Überhäufung mit Spielzeug, Konsumgütern und Freizeitangeboten kann aber auch dazu führen, dass Kinder zu wenig Gelegenheit haben, "zu sich zu kommen", ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren, ihre eigenen Ideen und Phanasien zu entwickeln. Das Projekt "Spielzeugfreier Kindergarten" richtet sich also nicht gegen Spielzeug. Die Herausnahme des Spielzeugs und der Spielangebote von Erwachsenen für einen begrenzten Zeitraum ist die Methode, eine Situation zu schaffen, in der Kinder Erfahrungen mit ihren Möglichkeiten und Grenzen machen können, in der sie sich im geschützten Rahmen des Kindergartens "ausprobieren" können.
Was hat das Projekt mit Suchtprävention zu tun?
Das Projekt kann Kindern einen Zeit-Raum und einen Spiel-Raum schaffen, ihre Möglichkeiten und Grenzen zu erproben. Da in dieser Zeit die Aktivitäten und Situationen konsequent von den Kindern ausgehen, können sie die Funktion bestimmter "Lebenskompetenzen" (z.B. Umgang mit Sprache, Beziehungsfähigkeit, verstärkte Wahrnehmung persönlicher Bedürfnisse, Entwicklung von Selbstvertrauen usw.) als sinnvoll erleben und weiterentwickeln. Dazu gehört es auch, einmal zu erleben, dass nicht alles klappt, dass man Fehler macht, dass man auch einmal Frustrationen aushalten muss, ohne dass diese gleich von Erwachsenen ausgeglichen werden.
In der Suchtforschung gibt es viele Hinweise darauf, dass Menschen, die vielfältige Lebenskompetenzen entwickelt haben, die mit ihren Stärken und Schwächen umgehen können, die Handlungsalternativen selbst entwickeln können, deutlich weniger suchtgefährdet sind als Menschen, die dies nicht können. Lebenskompetenzen sind Schutzfaktoren gegen Sucht.
Warum dauert das Projekt knapp 3 Monate?
Aus den Erfahrungen der zahlreichen durchgeführten Projekte hat sich gezeigt, dass die Kinder und die Erwachsenen Zeit brauchen, sich auf die neue Situation einzustellen.
Spielideen müssen Zeit haben, sich zu entwickeln. Oft war es so, dass die 3 Monate, die den Erwachsenen vor dem Projekt als sehr langer Zeitraum erschienen, viel zu schnell vorbei waren, weil die Kinder noch so viele Ideen verwirklichen wollten (was sie dann natürlich trotz des wieder vorhandenen Spielzeugs nach dem Projekt auch können).
Gibt es während des Projektes keine Regeln und Grenzen?
Regeln und Grenzen sind im Zusammenleben unerlässlich. Auch in der spielzeugfreien Zeit können sie nicht wegfallen. Wichtig ist aber, dass auch den Kindern die Gelegenheit gegeben wird, aus Situationen heraus Regeln und Grenzen selbst zu setzen, da sie dann deren Sinn besser erfassen. Bestehende Grundregeln bleiben natürlich auch während der
Spielzeugpause bestehen, vor allem, wenn es sich um das Wohl der Kinder dreht.
Selbstverständlich sind die päd. Mitarbeiter – wie bisher – weiterhin verantwortlich für die Gruppe.
Können Kinder während des Projektes von zu Hause Spielzeug mitbringen?
Während der spielzeugfreien Zeit sollten die Kinder kein vorgefertigtes Spielzeug von daheim mitbringen. Die Kinder können aber Material und Werkzeug mitbringen. Auch diese Initiative sollte von den Kindern und nicht von den Erwachsenen ausgehen.
Kommt die Schulförderung in dieser Zeit nicht zu kurz?
In den Grundschulen werden keine fertig ausgebildeten Kinder erwartet, sondern Kinder, die mit der für sie neuen Situation zurechtkommen. Im „spielzeugfreien Kindergarten“ werden Fähigkeiten
gefördert, die für Schulkinder zumindest ebenso wichtig sind wie Fertigkeiten wie Stifthaltung, Konzentrationsfähigkeit etc.
Spielen, vor allem freies Spielen, ist für Kinder Lernen und Förderung von praktischen Fertigkeiten wie z. B. Feinmotorik. Das Projekt fördert ebenso, wie in der wissenschaftlichen Begleitstudie
bestätigt, wichtige Kompetenzen wie:
– die Fähigkeit, sich verständlich zu machen und andere zu verstehen
– die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Stärken und Schwächen anzunehmen und Verantwortung für
das eigene Handeln zu übernehmen
– die Fähigkeit, sich selbst eigene Aufgaben zu stellen, Probleme wahrzunehmen und selbst Lösungen zu entwickeln
– die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, sich Hilfe bei anderen zu holen, gemeinsame Lösungen zu finden.
Ohne diese elementaren Fähigkeiten und eine altersgemäße soziale Kompetenz kann ein Kind im Schulalltag nur schwer bestehen. Auch für das weitere Leben sind sie von entscheidender Bedeutung.
Die wöchentlichen Treffen der Vorschulkinder bleiben weiter bestehen.
Was ist, wenn es während der spielzeugfreien Zeit meinem Kind langweilig ist oder wenn es nicht mehr in den Kindergarten gehen will?
Langeweile auch einmal auszuhalten, ist durchaus im Sinne des Projektes. Kinder sollen ja lernen, aus der Unzufriedenheit mit einer Situation heraus Lösungen selbständig zu entwickeln und nicht durch Ersatzangebote der Situation auszuweichen. Dies können Kinder jedoch nicht lernen, wenn Erwachsene bei jedem Anzeichen von Langeweile bei Kindern sofort mit Unterhaltungs- oder Spielangeboten eingreifen. Auch im späteren Leben ist nicht immer jemand da, der uns sofort Frustrationen aus dem Weg räumt.
Muße, Langeweile, Nichts-Tun, Nicht-Funktionieren sind notwendige Pausen, nach denen wir Erwachsenen uns oft genug sehnen. Wir sollten unseren Kindern die Gelegenheit geben, diese lebenswichtigen Bedürfnisse zu erfahren.
Dass Kinder einmal nicht in den Kindergarten gehen wollen, kommt nach unserer Erfahrung in der spielzeugfreien Zeit nicht häufiger vor als im normalen Kindergartenalltag auch. Sollte dies jedoch der Fall sein, ist es immer wichtig, dass Sie mit dem Kind und den ErzieherInnen zusammen nach den Ursachen suchen, um gemeinsam eine Lösung zu finden.